KASACHSTAN AUF DER WELTAUSSTELLUNG EXPO 2015 MILANO

Am 1. Mai 2015 öffnete die Weltausstellung Expo 2015 für sechs Monate Tür und Tor in Mailand mit dem Motto „Feeding the planet, Energy for Life“. Mit viel Energie war auch gtp2 vor Ort. In enger Zusammenarbeit mit der Kölner Kreativagentur facts and fiction, die für den thematischen Inhalt verantwortlich zeichnete, war gtp2 für die architektonische Umsetzung des Pavillons zuständig. Die Herausforderung war immens, denn wir bauten für einen ausländischen Kunden im Ausland, in Italien, und könnten ein Buch über interkulturelle Zusammenarbeit und die damit verbundenen Unterschiede schreiben. Der Pavillon wurde von der Expo mit einer Bronzemedaille für beste thematische Umsetzung ausgezeichnet.

 

Kasachstan, neuntgrößtes Land der Welt, im fernen Zentralasien gelegen und mit extrem niedriger Bevölkerungsdichte, zeigte auf der EXPO 2015 in Mailand zeigen, dass man viel mehr zu bieten hat als endlose Steppen. Mit seinen riesigen Agrarflächen und modernen, landwirtschaftlichen Konzepten, passt Kasachstan perfekt zum EXPO-Motto „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“.

 

Eine Nation mit reicher kultureller und geschichtlicher Identität präsentiert sich hier auf dem Sprung in die Zukunft. Und spätestens mit dem sensationellen 3D-Film am Ende der Ausstellung ist die Neugier an der kasachischen Expo 2017 in Astana geweckt.

 

Das Gebäude fasziniert durch seine organische Formen und der Natur entliehenen Details. Die an Feder und Getreideähren erinnernden Fassadenelemente bestehen zum einen aus farblich irisierenden Paneelen und zum anderen aus Spiegelpaneelen, die der Fassade ein überraschendes Leben verleihen: Je nach Betrachtungsperspektive und Einfall des Sonnenlichts verändert sich der Eindruck. Bereits im Logo erkennt der Besucher, dass Kasachstan Gastgeberland der nächsten EXPO 2017 sein wird.

 

Das für jeden Besucher langweilige Anstehen wird im Fall des kasachischen Pavillons durch interaktive Stationen entlang der Wartezone aufgelockert. Der Besucher registriert positiv, dass sich die Warteschlange stetig weiterbewegt, da mit jedem Öffnen des Pavillonportals in 6-Minuten-Intervallen ca. 80 Personen Einlass finden.

 

Mit dem Überschreiten der Schwelle empfängt den Besucher die Atmosphäre Kasachstans. Hier geht es um Traditionen und die Geschichte des zentralasiatischen Landes.

 

Nach kurzer Zeit findet ein Lichtwechsel statt und eine Dame in einem eleganten, jedoch traditionell wirkenden Kostüm betritt eine kleine Bühne. Nach einer kurzen Begrüßung erscheint die vor ihr liegende, durchleuchtete Glasfläche auf einer Großprojektion. Nur mit Hilfe von Sand, den sie auf die Glasfläche streut, erzählt sie in stets sich verändernden Sandbildern die Geschichte Kasachstans. Fasziniert beobachten die Zuschauer wie allein durch Wischen und erneutes Linienziehen mit der Hand immer neue, poetische Bilder entstehen. Die Künstlerin zeichnet die Bilder synchron zu einem Soundtrack mit Musik und gesprochenem Kommentar.

 

Nach ca. vier Minuten endet die Show. Ein erneuter Lichtwechsel begleitet einen überraschenden Effekt. Die Fläche, auf der eben die Projektion der Sandmalerei erschien, öffnet sich und gibt den Weg in eine dahinter liegende Welt frei.

 

Der Besucher verlässt den Preshow Raum und betritt nun die Multimedia Rolltreppe. Diese führt durch einen komplett medialisierten Tunnel. Auf der kurzen Fahrt in die obere Etage werden die Besucher durch Kasachen von unterschiedlicher Herkunft, Geschlecht und Alter herzlich begrüßt. Hinter ihnen öffnen sich Landschaften; Städte, Felder, Steppe, Mittelgebirge…

 

Der Besucher gelangt jetzt in die eigentliche Ausstellung. In einem futuristischen Ambiente erwartet ihn ein klar gegliederter Ausstellungsraum. Sechs Rotunden markieren Themenfelder und ziehen den Besucher durch ein zentrales, attraktives Hauptexponat in den Bann. Es werden Agrarwissenschaft, Ökologie, Aquakultur und Hightech Landwirtschaft dargestellt. Die seitlich dazu angeordneten Ausstellungsbereiche enthalten interaktive Multimediaexponate, Originalobjekte und Grafiken.

 

Ein durchgängiges Grafikelement sind Röntgenaufnahmen zum jeweiligen Thema. Sie rahmen die Ausstellung ein und verleihen ihr eine wissenschaftlich ästhetische Anmutung. Der glänzend weiße Fußboden kontrastiert reizvoll mit den schwarzen Wänden und Decken.

 

In der ersten Rotunde begegnet der Besucher einem ungewöhnlichen Leitexponat. Es handelt sich um den Original Schreibtisch des kasachischen Agrarforschers Alexander Iwanowitsch Barajew. Er ist umgeben von unterschiedlichen Kulturböden mit darauf gedeihenden Nutzpflanzen. Barajews Methoden revolutionierten die kasachische Landwirtschaft. Eine Multimedia Installation in Form eines interaktiven Buches liegt auf dem Schreibtisch. Hier erfährt der Besucher die Besonderheiten von Landwirtschaft im harten Kontinentalklima. Das interaktive Buch führt ihn durch die vier Jahreszeiten.

 

In der zweiten Rotunde geht es um Viehzucht im Allgemeinen und die erstaunlichen Wirkungen des kasachischen Nationalgetränks Kumys. Das Zentrum bildet ein steigendes, lebensgroßes Pferd, das von einer futuristischen Milchbar umgeben ist. Dem Besucher gefällt hier besonders die persönlich moderierte Präsentation durch eine Expertin für Kumys. Nun traut er sich sogar, eine kleine Probe zu kosten. Er ist von dem säuerlichen, leicht alkoholischen Geschmack überrascht, da er in nichts an die gewohnte Kuhmilch erinnert. Kumys mag vielleicht nicht sein Fall sein, doch das Erlebnis, zum ersten Mal Pferdemilch gekostet zu haben, wird ihm unvergesslich bleiben.

 

In der nächsten Rotunde, bei der es um erstaunliche Fakten zu Kasachstan geht, beherrscht ein großer, lebendiger Apfelbaum das Zentrum. Als „Baum der Erkenntnis“ liefert er per Multimedia Installation überraschende Informationen. Wer von den Besuchern aus Mitteleuropa weiß wohl, dass der Apfel aus Kasachstan stammt und die Tulpe mitnichten ihre Heimat in Holland hat sondern in den Weiten der zentralasiatischen Steppe.

 

Die Bedeutung von Ökologie bei der Bewältigung der kommenden Ernährungsprobleme ist Thema der vierten Rotunde. Eine großformatige Multimediainstallation steht im Mittelpunkt. Es geht um die ökologische Katastrophe des austrocknenden Aralsees und die Anstrengungen Kasachstans, diesen Prozess zu stoppen und umzukehren. Der Besucher kann anhand einer verschiebbaren Zeitleiste Zustände des Aralsees von den 1970er Jahren bis heute aufrufen. Die Projektion auf das Bodenrelief des Aralsee-Beckens zeigt in plastischen Bildern den jeweiligen Stand der Dinge.

 

In der Aquakultur Rotunde fasziniert eine große Installation mit lebenden Fischen. Auch hier erwartet den Besucher eine persönliche Präsentation. En Wissenschaftler erzählt Spannendes über ein uraltes Lebewesen, das seit dem Trias unseren Planeten bewohnt, – den Stör. Wirklich einmalig ist aber das anschließende Erlebnis. Die sich im Bassin tummelnden, jungen Störe sind überaus zutraulich und lassen sich sogar gerne streicheln. So etwas hat er noch nie erlebt!

 

Ein paar Schritte weiter trifft der Besucher in der sechsten Rotunde auf einem Satelliten, der über einem Weizenfeld schwebt. Man erkennt, dass er einen Heuschreckenschwarm geortet hat, der gerade dabei ist, sich über das Feld herzumachen. Diese Installation steht für das Themengebiet Precision Farming, das sich den modernsten Aspekten kasachischer Landwirtschaft widmet. Nebenbei erhält der Besucher Informationen über den weltgrößten Raumbahnhof Baikonur, der auf kasachischem Staatsgebiet liegt und von Russland betrieben wird. Als Früchte russisch-kasachischer Kooperation werden hochmoderne Satellitensysteme vorgestellt, die eine neue technische Revolution in der Landwirtschaft auslösen werden.

 

Gut unterhalten und mit vielen nachhaltigen Erlebnissen zum Thema Kasachstan betritt der Besucher nun den Show Preparation Room, also den Wartebereich vor der Mainshow. Hier herrscht eine gedämpfte Lichtstimmung, die die Exponate im Spotlight besonders deutlich hervorhebt. Es handelt sich um Modelle der bedeutendsten Gebäude in Astana. Eine architektonische „Hall of Fame“, die kaum jemand diesem fernen und unbekannten Land zugetraut hätte. Die Ausstellung gibt einen Vorgeschmack auf das Erlebnis, das Besucher der Expo 2017 in der Hauptstadt erwartet. Währenddessen betrachtet der Besucher auf abgehängten Screens Bilder der Hauptstadt Astana.

 

Nun öffnet sich das Tor zur Mainshow. Unter einer sternenübersäten Kuppel befindet sich ein kreisförmiges Auditorium. Beim Eintritt überreicht eine Hostess jedem Gast eine 3D Brille neuester Generation. Schnell findet der Besucher seinen Platz. Das Licht dimmt aus und eine atemberaubende Kuppelprojektion setzt ein. Das Publikum ist komplett umhüllt von der Bilderwelt. Der Film schildert die Reise eines Schwarms von Sonnenstrahlen als symbolische Träger solarer Energie. Ziel ihrer Reise ist die EXPO 2017 in Astana. Als besondere Überraschung für den Besucher erweist sich das Auditorium. Beim Betreten kann er nämlich nicht erkennen, dass es sich um eine Bewegungs-Plattform handelt. Doch bereits bei den ersten Szenen des Films merkt er, dass das gesamte Auditorium den Kamerabewegungen sanft folgt. Ein unglaublich real wirkendes Fluggefühl stellt sich ein. Unterstützt wird die Illusion durch die bis dato unerreichte Perfektion des Raumklangs. Die Kombination der einzelnen Elemente verstärkt sich zu einer einzigartigen emotionalen Dichte.

 

Viel zu schnell ist die Show zu Ende. Sie hätte nach dem Geschmack des Besuchers doppelt oder dreimal so lang sein dürfen. Mit den anderen Gästen wendet er sich zum Ausgang der Mainshow Kuppel und gibt an der Tür seine 3D Brille ab.

 

Der Besucher hat das Ende seines Rundgangs durch den kasachischen Pavillon erreicht. Ein Erlebnis mit vielen nachhaltigen Eindrücken liegt hinter ihm. Er ist hat nun eine Vorstellung von diesem fernen Land, das er nur vom Hörensagen kannte. Er weiß nun, welches Potenzial dieses riesige Land hat, wie der Anschluss an Weltstandards geschafft wurde und welche Rolle Kasachstan künftig im internationalen Maßstab spielen wird. Er hat Sympathie für Land und Leute entwickelt und wird nie wieder fragen „Kasachstan? – Was?“.


Impressionen des kasachischen Pavillons 2015.
Credit: VILTV – ART CHANNEL, Mailand

FACTS

Bauherr: National Company of Kazakhstan
Durchführungsgesellschaft: J&G Consultoría de Ferias
Kreativagentur und Generalübernehmer: facts and fiction
Fachplaner Haustechnik: MSC Associati S.r.l., Milano
Statiker: wh-p GmbH
Landschaftsplaner: KLA kiparlandschaftsarchitekten GmbH, Duisburg – LAND Srl, Milan
Lokaler Kontaktarchitekt: Plan Srl – Milano
Baufirma wetterfestes Gehäuse: C + P Industriebau
Baufirma Fassade: Kalle Krause
Baufirma Innenausbau: Expomondo
Baufirma Haustechnik: Yes.co srl
Fotos: Andreas Keller Fotografie
Grundstücksfläche: 2.396 m²
Pavillon-Bruttogrundfläche: 1.321 m²
Nettoflächen: auf 2 Ebenen 2.056 m²
Dachgartenfläche: 1.146 m²
Baukosten: 13,0 Mio. €
Bauzeit: 10 Monate
Planungszeit: 15 Monate